FASTENZEIT
4. WOCHE - DONNERSTAG
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DIE
HEILIGE MESSE
Jesu
Opfer auf Golgota. Merkmale des Opfers.
Der Opferwille unseres Herrn. In der heiligen Messe geben wir uns in Christi
einmalige Opfertat hinein.
Die Mitte des liturgischen Lebens der Kirche soll Mitte unseres persönlichen
Lebens sein.
I. In der
ersten Lesung der heutigen Messe hören wir, wie Mose bei Jahwe Fürsprache
einlegt, damit Gott die Untreue seines Volkes nicht bestrafe. Die Gründe, die
Mose vorbringt, sind ergreifend: der Ruhm des Herrn bei den Heiden, die Treue
zum Bündnis mit Abraham und seinen Nachkommen ... und der Herr vergibt aufs neue
seinem untreu gewordenen Volk. Die unermeßliche Liebe Gottes zu den Menschen,
die sich hier andeutet, sollte in einem bestimmten Augenblick der Geschichte
ihren Höhepunkt erreichen:
Denn Gott
hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder,
der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben
1
Durch die
Hingabe des Sohnes erreicht Gottes Liebe jeden einzelnen Menschen. Christus, der
Sohn Gottes, hat
mich geliebt und sich für mich hingegeben,
wie Paulus an die Galater schreibt. Opferlamm und Priester zugleich, vergießt er
sein Blut für uns im Gehorsam gegen den Willen des Vaters. Diese innere Hingabe
seiner selbst ist es, was das Wesen seines Opfers ausmacht.
Nach der
klassischen Theologie charakterisieren jedes wirkliche Opfer vier wesentliche
Merkmale: der Priester, der das Opfer darbringt, das Opfer selbst, die innere
Hingabe und ihr äußerer Ausdruck. Das letzte Wort Christi am Kreuz -
Vater, in
deine Hände lege ich meinen Geist
- faßt diese vier Merkmale zusammen. Der Hebräerbrief folgert daraus:
Da wir
nun einen erhabenen Hohenpriester haben, der die Himmel durchschritten hat,
Jesus, den Sohn Gottes, laßt uns an dem Bekenntnis festhalten. Wir haben ja
nicht einen Hohenpriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche,
sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht
gesündigt hat4
Das
Kreuzesopfer ist einzigartig. Priester und Opfer sind ein und dieselbe göttliche
Person: der fleischgewordene Sohn Gottes. Zu jeder Zeit seines irdischen Lebens
lebte der Herr in vollkommener Übereinstimmung mit dem Willen des Vaters, auf
Golgota jedoch fand seine Hingabe ihren vollkommenen Ausdruck.
Da wir,
auf dem Weg der Nachfolge des Herrn, in unserem Leben sein Leben widerspiegeln
wollen, fragen wir uns heute im Gebet, ob wir wirklich gewillt sind, uns mit
Christi Opfer an den Vater zu vereinigen. Mit anderen Worten: ob es uns gelingt,
den Willen des Vaters jederzeit anzunehmen, in Freude und Kummer, im
gewöhnlichen Alltag oder auch in außerordentlichen Situationen.
»Meine
Mutter, meine Gebieterin: lehre mich, mein Ja so zu sprechen wie du, damit es
ganz und gar in den Ruf Jesu an seinen Vater einmünde:
non mea
voluntas ...
22,42), nicht mein Wille, sondern der Wille Gottes geschehe.«5
II. Heute
betrachten wir in unserem Gebet den Opferwillen Jesu Christi. In der heiligen
Messe wird er gegenwärtig. Zu jedem Opfer gehören die immolatio (der
Opfervollzug) und die oblatio (der Opferwille). »Das ganze Leben des Herrn war
eine einzige, immer neue Oblatio. Sein Eintritt in die Welt ist begleitet vom
Opfergebet: >Siehe, ich komme, deinen Willen zu erfüllen< (
10,7 mit
40,7-9). Er verlangt, mit der Taufe des Leidens getauft zu werden, und glüht,
bis sie vollendet ist (vgl.
12,50). Er sagt, der Menschensohn ist gekommen als Lösegeld für die Vielen (
10,45). Seine Abschiedsreden sind eine Opferpräfation. Die Einsetzung der
Eucharistie weist hin auf das Kreuzesopfer, auf das vergossene Blut, das den
Vielen zum Heile dient. So durchsetzen das Evangelium die Zeugnisse seiner
Oblatio, seines Hingabewillens. Seine Immolatio, sein Opfervollzug, liegt in
seinem gesamten Leiden vom Ölberg, von Verrat und Gefangennahme bis zum letzten
Wort, bis zum Todeshauch.«6
Das
Kreuzesopfer und die heilige Messe sind, wenn auch durch die Zeit getrennt, ein
und dasselbe Opfer. Zwar wird in der heiligen Messe nicht das grausame, blutige
Geschehen auf Golgota gegenwärtig, wohl aber die vorbehaltlose, liebende Hingabe
des Sohnes an den Willen des Vaters. Der Opfervollzug als einmalige historische
Handlung bleibt unwiederholbar, weil er eben mit dem Tode endet. Der Opferwille
dagegen kann ein ganzes Leben ausfüllen und auch nach Vollendung des einmaligen
Opfers noch als Grundhaltung bestehen bleiben: »Der einmalige, den Gesetzen von
Raum und Zeit unterworfene Opferakt Jesu Christi ist vergangen und hat das große
Werk der Erlösung bewirkt. Er ist nicht wiederholbar und bedarf keiner
Erneuerung, weil alles in ihm erneuert wurde. Doch es lebt weiter in Ewigkeit
die Opferliebe, der Opferwille, die Opferhingabe an uns. Wenn Jesus Christus zu
uns kommt, dann kommt in ihm und mit ihm diese Opferliebe, dann wird gegenwärtig
sein Opfer. (...) In diesem Sinne ist die Messe wahres Opfer: Die verewigte
Opferhingabe Christi, vergegenwärtigt mit seiner Persönlichkeit. Die heilige
Messe ist nicht Opfer durch eine Wiederholung der Schmerzen des Opferaktes und
Opfervollzuges vom Karfreitag. Doch ist der heiligen Messe nicht nur eine
Oblatio, nämlich die Opferliebe Christi, eigen. Sie trägt in sich auch eine
Immolatio - und zwar den Opfervollzug der Kirche, der versammelten Gemeinde, der
einzelnen mitfeiernden Persönlichkeit. Wir sind ohne unser Zutun erlöst. Uns
kommt es zu, ein Ja zu sagen zu dem, was der Herr für uns geopfert hat. Das
geschieht in der heiligen Messe. In ihr geben wir uns in Christi einmalige
Opfertat hinein und lassen davon unser Leben als ständig neuen Opfervollzug
geformt sein.«7
Verlebendigen wir in unserem Alltag die Haltungen, die wir im Opferwillen
Christi finden: die Liebe, den Einklang mit dem Willen des Vaters, die Hingabe
seiner selbst, das Bewußtsein, am Erlösungswerk Christi mitzuwirken.
III. Das
innere Opfer Jesu Christi ist auf Golgota und in der Messe dasselbe: derselbe
Priester, dasselbe Opfer, dieselbe Hingabe und Unterwerfung unter den Willen des
Vaters. Unterschiedlich ist nur die äußere Gestalt dieser Hingabe: auf Golgota
zeigt sie sich im Leiden und Sterben Jesu, in der heiligen Messe durch die
sakramentale, unblutige Trennung von Leib und Blut durch die Transsubstantiation
von Brot und Wein.
Der
Priester handelt
in
persona Christi,
des höchsten und ewigen Priesters: »Jede Messe, auch wenn sie privat vom
Priester zelebriert wird, ist dennoch nicht privat, sondern ein Akt Christi und
der Kirche, und diese Kirche lernt im Opfer, das sie darbringt, sich selbst als
universales Opfer darzubringen, und sie wendet die einzige und unendliche
erlösende Kraft des Opfers des Kreuzes der ganzen Welt zum Heil zu.«8
Da das
Meßopfer dem Wesen nach eins ist mit dem Opfer am Kreuze, hat es einen
unendlichen Wert, denn die Qualität der Anbetung, des Dankes und der Sühne, die
in jeder Messe dem Vater dargebracht werden, wird nicht von den persönlichen
Voraussetzungen der Teilnehmenden oder des feiernden Priesters bestimmt, sondern
von Christus selbst: Er ist der Opfernde und die Opfergabe. Es gibt somit keine
vollkommenere Möglichkeit, Gott anzubeten, als das Meßopfer.
Es gibt
auch keine bessere Möglichkeit, Gott Dank zu sagen für alles, was er ist, und
für die niemals versiegende Barmherzigkeit, die er uns schenkt. Nichts auf Erden
kann Gott so wohlgefällig sein wie das Opfer auf dem Altar. Jedesmal wenn wir
die heilige Messe feiern, wird durch die unendliche Hoheit dessen, der Priester
ist und Opfer zugleich, Sühne geleistet für alle Sünden der Welt: Es ist dies
die einzig angemessene und vollkommene Wiedergutmachung, die es gibt. Die
Aufopferung der Freuden und Mühen des Alltags erhält eine neue Qualität, wenn
wir sie mit dem Opfer Christi verbinden. In der heiligen Messe »wird das
eingeschrieben, was das Leben jedes Menschen am tiefsten besitzt: das Leben des
Vaters, der Mutter, des Kindes und des alten Menschen, des Jungen und des
Mädchens, des Professors und des Studenten, des Bauern und des Arbeiters, des
gebildeten Menschen und des einfachen Menschen, der Ordensfrau und des Priesters.
Jedes Menschen ohne Ausnahme. Das Leben des Menschen wird durch die Eucharistie
in das Mysterium des lebendigen Gottes eingeschrieben.«9
Trotz des
unendlichen Wertes jeder heiligen Messe werden ihre Wirkungen in uns durch
unsere persönlichen Voraussetzungen eingeschränkt. Deshalb lädt uns die Kirche
ein, am heiligen Geschehen »bewußt, tätig und mit geistlichem Gewinn«
teilzunehmen11. Die Darbringung der Gaben, Wandlung und Kommunion... in jedem
Augenblick des heiligen Geschehens können wir versuchen, das Herzstück der
ganzen Liturgie zum Mittel- und Bezugspunkt unseres Alltags werden zu lassen.
Unsere Vereinigung mit C= teilzunehmen10. Die Darbringung der Gaben, Wandlung
und Kommunion... in jedem Augenblick des heiligen Geschehens können wir
versuchen, das Herzstück der ganzen Liturgie zum Mittel- und Bezugspunkt unseres
Alltags werden zu lassen. Unsere Vereinigung mit hristus im Moment der Wandlung
wird um so inniger sein, je mehr wir in unserem Alltag eins sind mit dem Willen
Gottes. Das »Durch ihn und mit ihm und in ihm« wird dann unseren ganzen Tag
durchdringen: die Berufsarbeit, den Umgang mit Freunden und Kollegen, die
Freuden und Sorgen der Familie...
Dann wird
der Herr den Heiligen Geist mit allen seinen Gnadengaben über uns ausgießen.
3,16. -
2,20. -
23,46. -
4,14-15. -
J. Escrivá,
Der
Kreuzweg,
IV,1. -
Th. Schnitzler,
Was die
Messe bedeutet,
Freiburg 1976, S.34. -
ebd., S.35. -
Paul VI., Enz.
Mysterium
Fidei,
3.9.1965, 4. -
Johannes Paul II.,
Homilie
zum Abschluß des 20. Nationalen
Italienischen Eucharistischen Kongresses,
22.5.1983. -
II. Vat.
Konz.,
Konst.
Sacrosanctum Concilium,
11.