FASTENZEIT
4. WOCHE - MITTWOCH
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EINHEIT
DES LEBENS
Einheit
des Lebens: Salz der Erde und Licht der Welt sein.
Dazu beitragen, daß die Dinge der Schöpfung zu Gott führen. Das Wirken eines
Christen in der Gesellschaft.
Frömmigkeitsübungen sollen uns nicht von der Welt abschotten, sondern den Umgang
mit Gott vertiefen, damit wir in der Welt Zeugnis geben können.
I.
Gott hat
seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richte, sondern damit
die Welt durch ihn gerettet werde
Christus kam als Licht in die Welt, damit die Menschen nicht in der Finsternis
verharren
.
Die ganze Schöpfung - in diesem Licht Gottes gesehen - ist für den Menschen Weg
zu Gott. Doch:
Das Licht
leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfaßt3
Auch
heute sind diese Worte aktuell. In weiten Teilen der Welt kennt man die
Botschaft Christi noch nicht, oder sie wird einfach ignoriert. Viele leben im
dunkeln, haltlos, weil ohne Orientierung.
Einer der
Gründe dafür ist bei vielen Menschen das Auseinanderklaffen von Leben und
Glauben. Arbeit, Studium, Betrieb, Forschung, Freizeit gelten für sie als »die
reale Welt« Da ist der Glaube dann nur noch eine Art Schnörkel. Ohne das Licht
der Offenbarung aber entraten die irdischen Gegebenheiten ihres tieferen Sinnes.
Die Welt wird dann zum Selbstzweck, sie verliert den Bezug zu ihrem Schöpfer
Gott. Vor allem in der westl»chen Welt hat sich diese Mentalität ausgebreitet.
»Durch sie drohen viele für Christus und für die Kirche verloren zu gehen;
leider verbreitet sich von diesen Ländern aus wie Unkraut ein Neuheidentum in
der ganzen Welt. Es ist gekennzeichnet durch die zwanghafte Suche nach
materiellem Wohlstand und die damit einhergehende Verdrängung all dessen, was
Leid bedeutet, ja man könnte sogar von einer panischen Angst vor ihm sprechen.
Aus dieser Einstellung werden Worte wie Gott, Sünde, Kreuz, Abtötung, ewiges
Leben vielen Menschen unverständlich, weil sie weder deren Sinn noch deren
Inhalt kennen.
Ihr
selbst seid Zeugen der Tatsache, daß viele Gott zunächst in Kleinigkeiten aus
ihrem persönlichen, familiären oder beruflichen Leben ausklammern; da Gott aber
ein Liebender ist, der bittet und fordert, werfen sie ihn schließlich - wie
einen Eindringling - auch aus der Gesetzgebung und dem Leben der Völker hinaus.
Lächerlich und anmaßend wollen sie an seine Stelle das armselige Geschöpf
setzen, das - auf Bauch, Sex und Geld reduziert - seine übernatürliche und
menschliche Würde eingebüßt hat - ich übertreibe nicht, man kann es doch
allerorten sehen.«4
Damit die
Menschen erkennen, daß die Welt von Gott erschaffen und deshalb nicht von ihm
weg, sondern zu ihm hinführt, müssen die Christen sich der
Tatsache,
daß das menschliche Leben eine untrennbare Einheit bildet, ganz neu bewußt
werden. Ein Jünger Christi - ein Laie zumal - sucht ja nicht die Absonderung von
den irdischen Dingen. Er lebt mitten in der Welt, und er versteht sich darin als
Sauerteig. Ein überzeugter Christ wirkt durch sein Zeugnis, das er in der
Erfüllung seiner täglichen Aufgaben gibt, wie das Salz, das Geschmack verleiht
und vor Fäulnis schützt. »Wenn wir Christen wirklich nach unserem Glauben
lebten, käme es zu der umwälzendsten Revolution aller Zeiten ... Jeder einzelne
von uns hat am Werk der Erlösung mitzuwirken. - Denke darüber nach!«5
II. Alles
Geschaffene steht nach dem Willen Gottes im Dienst des Menschen. Die Sünde - der
Hochmut unserer Stammeltern - zerstörte die gottgewollte Harmonie der Schöpfung.
Von nun an war der Verstand getrübt und irrtumsanfällig, der Wille geschwächt
und die Freiheit, das Gute zu wollen, zwar nicht aufgehoben, aber doch
vermindert. Der Mensch wurde tief verwundet. Auch die Natur trägt dieses Mal: »Wenn
der Mensch vom Plane Gottes, des Schöpfers, abweicht, verursacht er eine
Unordnung, die sich unausweichlich auf die übrige Schöpfung auswirkt.«6
Die Welt
ist als Gottes Schöpfung gut; aber seit dem Sündenfall können die Dinge dieser
Welt mißbraucht werden. »Die Sünde des Menschen, das heißt sein Bruch mit Gott,
ist die letzte Ursache für die Tragödien, welche die Geschichte der Freiheit
begleiten.«7 Aus dem gottgewollten Zusammenhang herausgelöst, verkommen die
geschaffenen Wirklichkeiten sehr bald zu Blendwerk und führen auf Irrwege.
In seiner
unendlichen Güte erlöste uns Gott von der Sünde. Durch Jesus Christus hat er uns
mit sich versöhnt, so daß wir uns
Kinder
Gottes
nennen
dürfen.
Und wir
sind es,
zur Gemeinschaft mit ihm im Himmel berufen.
Welche
Aufgabe der Christen, dazu beizutragen, daß alle Wege dieser Erde wieder zu Gott
führen! »Wir müssen alle Bereiche der Gesellschaft mit dem christlichen Geist
durchtränken. Aber es darf nicht bei einem allgemeinen Wunsch bleiben: jeder muß
dort, wo er arbeitet, seinem Tun den gottgewollten Sinn verleihen und sich darum
bemühen - durch Gebet, durch Abtötung, durch gut getane Arbeit -, sich selbst
und andere Menschen in der Wahrheit Christi zu formen, damit er als Herr allen
menschlichen Tuns verkündet wird.«9
III. Der
Herr hat uns Christen die Aufgabe anvertraut, die Gesellschaft aus christlichem
Geist zu beleben, damit ihre Strukturen und Einrichtungen dem Menschen wirklich
dienen können. Aber unser Wirken in der Gesellschaft wäre ohne die innere
Spannkraft, die aus einem persönlichen Umgang mit Gott erwächst, unfruchtbar.
Unsere Frömmigkeit muß deshalb einerseits sehr »persönlich« sein, andererseits
aber darf sie uns niemals von der Umwelt abschotten, mit der wir es tagtäglich
zu tun haben. Sie darf sich nicht verselbständigen, sondern muß in unseren
Alltag eingebettet sein. In ihr kann sich die Sehnsucht nach Gott besonders
innig und tief entfalten, so daß hernach die Aufgaben des Tages aus der Kraft
dieser Augenblicke leben. Wer sich in der Welt heiligen will, wird also nicht
bloß sein Frömmigkeitsleben pflegen, er wird gleichzeitig versuchen, es in das
Ganze seines Lebens so einzubinden, daß es ihn Gott nahe sein läßt. »Dies wird
dich, fast wie von selbst, zum beschaulichen Leben führen. Aus deiner Seele
werden dann Stoßgebete, geistige Kommunionen, Akte der Liebe, des Dankes und der
Sühne viel reicher hervorgehen, und zwar während der Zeit, die du der Erfüllung
deiner Pflichten widmest: beim Telefonieren, beim Einsteigen in ein
Verkehrsmittel, beim Schließen oder Öffnen einer Tür, im Vorbeigehen an einer
Kirche, zu Beginn einer neuen Arbeit, währenddessen, und später, wenn du sie
abschließt t«10.
Das ist
jene Einheit des Lebens, in welcher sich individuelle Frömmigkeit und
gesellschaftliche Verantwortung gegenseitig befruchten. Die Arbeit und die
Alltagspflichten sind dann kein Hindernis für den Umgang mit Gott, gerade in
ihnen können die Tugenden gedeihen und sich bewähren. Aus der Kraft des
persönlichen Gebetes bemühen wir uns um eine gute Arbeit, und diese Arbeit trägt
zum Wohl der Mitmenschen bei. Aber wir wissen, daß unser Bemühen nur dann
fruchtbar werden kann, wenn wir uns dem Wirken des Heiligen Geistes öffnen: »Non
est abbreviata manus Domini,
der Arm Gottes ist nicht kürzer geworden (
59,1): Gott hat heute nicht weniger Macht als in früheren Zeiten, er liebt die
Menschen nicht weniger als damals. Unser Glaube lehrt uns, daß die ganze
Schöpfung, das Kreisen der Erde und der Gestirne, das gute Streben des Menschen
und der Fortschritt in der Geschichte, daß alles von Gott kommt und auf ihn
hinzielt«11.
Wir
wollen den Heiligen Geist um Licht bitten, damit wir immer besser erkennen, daß
die Welt - Gottes Schöpfung - der Ort ist, an dem wir Salz und Licht sein
sollen.
Kommunionvers.
3,17. -
vgl.
8,12. -
1,5.-
A.
del Portillo,
Hirtenbrief,
25.12.1985, 4. -
J. Escrivá,
Spur des
Sämanns,
Nr. 945. -
Johannes Paul II,
Botschaft
zur Feier des Weltfriedenstages 1990,
8.12.1989, 5. -
Instruktion der Kongregation für die Glaubenslehre über die christliche Freiheit
und die Befreiung,
22.3.1986, 37. -
vgl.
3,1. -
A. del Portillo,
Hirtenbrief,
25.12.1985, 10. -
J. Escrivá,
Freunde
Gottes,
149. -
J. Escrivá,
Christus
begegnen,
130.